Schandmaul in der Fabrik Coesfeld

Silent Revenants bringen die Fabrik auf Temperatur

COESFELD. Schon kurz vor 20 Uhr wird es in der Fabrik ernst: Silent Revenants eröffnen den Abend und müssen sich vor einem Publikum beweisen, das vor allem wegen Schandmaul gekommen ist. Eine undankbare Aufgabe ist das an diesem Samstag allerdings nur auf dem Papier. Die Band kommt bei den Fans richtig gut an, die Stimmung im gut gefüllten Saal ist von Beginn an da. Knapp 50 Minuten später, gegen 20.45 Uhr, verabschieden sich Silent Revenants mit dem obligatorischen Bandfoto samt Publikum. Dann beginnt der Umbau.

Fotos @AKA_Johnsen

Teetasse, Blumen – und ein roter Eimer

Dabei fällt ein ungewöhnliches Detail auf der Bühne auf: Neben dem Instrumentarium wartet ein kleiner, mit Tischdecke, Blumen und Kaffeetasse gedeckter Tisch samt Stuhl. Wenig später wird klar, dass es sich dabei keineswegs nur um liebevoll-schrullige Bühnendekoration handelt. Auch ein roter Eimer steht bereit.

Um 21.12 Uhr geht es schließlich los. Aus den Boxen erklingt zunächst Neil Diamonds „Sweet Caroline“, bevor Schandmaul die Bühne übernehmen. Und Sänger Till Herence liefert gleich die Erklärung für das etwas spezielle Mobiliar: Eine Lebensmittelvergiftung macht ihm an diesem Abend zusätzlich zu schaffen. Die Frage ins Publikum, ob denn Pflegekräfte anwesend seien, wird mit einem lautstarken „Jaaa!“ beantwortet. Ein Bestatter sei ebenfalls da – womit die medizinische Versorgungskette offenbar vollständig wäre. Der Ton für den Abend ist gesetzt.

Thomas Lindner wird zum humorvollen Erzähler

Nachdem Thomas Lindner seine Singstimme dauerhaft verloren hat, übernahm der langjährige Weggefährte Till Herence 2025 den Gesang.

Lindner bleibt aber keineswegs im Hintergrund. Ganz im Gegenteil: Er führt als eine Art Moderator durch das Programm, erzählt und macht aus den Übergängen zwischen den Songs immer wieder kleine, ausgesprochen witzige Szenen.

Und Coesfeld hat offenbar lange darauf gewartet: Laut Ansage war die Band zuletzt 2015 hier. Elf Jahre später ist schnell zu spüren, dass Band und Publikum noch immer bestens miteinander können.

Musikalisch geht es quer durch die Schandmaul-Welt. Stücke wie „In der Hand“, „Königsgarde“, „Hexeneinmaleins“, „Froschkönig“ und „An der Tafel“ stehen auf dem Programm.

Bei „Tatzelwurm“ zieht die Polonaise durch die Fabrik

Spätestens bei „Tatzelwurm“ gibt es dann kein Halten mehr: Eine Polonaise zieht durch die Fabrik. Statt ehrfürchtig vor der Bühne zu verharren, wird der Saal zur gemeinsamen Spielfläche.

Neue Songs und eine Verschnaufpause für Till

Mit „An beiden Enden“ folgt ein neuer Song aus dem im September erscheinenden Album Sternensegler.

Till Herence bekommt im Laufe des Abends eine kurze Verschnaufpause. Die wird elegant mit einem Instrumentalstück überbrückt. Wenig später ist das Publikum selbst gefragt: Coesfeld schnippt gemeinsam für einen neuen Tee für Till – der prompt geliefert wird.

Mit „Sternensegler“ präsentiert Schandmaul dann auch den Titeltrack des kommenden Albums. Später folgt „Traumtänzer“, bevor es bei „Bunt“ nicht nur musikalisch farbenfroh wird. Die Lichtshow greift den Titel konsequent auf: Blau, Violett, Pink, Weiß und warme Farbtöne tauchen Bühne und Musiker in ständig wechselndes Licht.

Das Publikum wird Teil der Show

Dass Schandmaul-Konzerte keine Veranstaltungen zum stillen Zuschauen sind, zeigt sich anschließend noch einmal besonders deutlich. Bei einem ausgedehnten Spiel wird das Publikum zum Mitmachen gebracht: Hände schwenken, einfrieren, Bewegungen in Zeitlupe – die Fabrik macht bereitwillig mit. Daraus entwickelt sich beinahe nahtlos die ausgelassene Stimmung von „Der Teufel hat den Schnaps gemacht“.

Feuerzeuge und Handylichter bei „Dein Anblick“

Kurz vor dem regulären Ende wechselt die Atmosphäre noch einmal vollkommen. Bei „Dein Anblick“ leuchten überall im Saal Feuerzeuge und Handylichter. Nach all dem ausgelassenen Tanzen, Lachen und Mitmachen entsteht für einige Minuten dieser klassische Konzertmoment, in dem ein ganzer Raum plötzlich ganz ruhig und geschlossen wirkt.

Zugaberufe, Wall of Love und Walpurgisnacht

Natürlich soll es das noch nicht gewesen sein. Lautstarke Zugaberufe holen die Band zurück. Eine „Wall of Love“ gibt es ebenso wie „Walpurgisnacht“. Noch einmal wird aus Bühne und Zuschauerraum eine gemeinsame Feier.

Improvisation wird zum Teil des Konzerterlebnisses

Am Ende bleibt ein Abend, der vermutlich anders verlief, als Schandmaul ihn ursprünglich geplant hatten. Ein Sänger mit Lebensmittelvergiftung, Tee auf der Bühne und ein vorsorglich platzierter roter Eimer hätten einem Konzert durchaus die Leichtigkeit nehmen können. In Coesfeld passiert das Gegenteil. Lindners humorvolle Erzählerrolle, ein tapferer durchhaltender Till Herence am Gesang und ein Publikum, das von der Polonaise bis zur Wall of Love jede Gelegenheit zum Mitmachen nutzt, machen gerade aus der Improvisation einen Teil des Erlebnisses.

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