Nach dem starken Auftakt am Mittwoch legt das ROCKHARZ 2026 am Donnerstag noch einmal deutlich nach. Der zweite Festivaltag ist länger, dichter und stilistisch noch weiter gefasst: von deutschem Underground-Metal über Mittelalter-Crossover, japanischen Power Metal, Neue Deutsche Härte, Death Metal, Punkrock und New York Hardcore bis hin zu großem Schock-Rock-Theater und einem nächtlichen Power-Metal-Abschluss.
Auch das Wetter bleibt dem Festival grundsätzlich wohlgesonnen. Wolken und Sonne dominieren weiterhin das Bild und bei angenehmen Temperaturen und trockenen Bedingungen kann sich der Donnerstag ohne meteorologische Nebengeräusche entfalten. Kein greller Hitzetag, kein matschiger Ausnahmezustand — eher ein kompakter, brauchbarer Open-Air-Rahmen für ein Programm, das selbst genug Reibung und Dramatik mitbringt.
Final Cry
Den Anfang machen Final Cry mit Shouter und Fotografenchef Kai auf der Dark Stage. Die Band aus Niedersachsen gehört zu den langlebigen Namen des deutschen Metal-Undergrounds und bewegen sich zwischen Melodic Death Metal und Thrash-Wurzeln. Als früher Opener setzen Final Cry auf eine klassische, unverstellte Metal-Sprache: direkt, riffbetont, melodisch aufgeladen und ohne Umwege in Richtung Festivalmodus. „The Ever-Rest“ ballert, „Dominium of Decay“ groovt und lädt zu ordentlich Moshpits ein und „Down the Icefall“ wartet mit filigranen Gitarren auf. Und Kai hatte ein Herz für uns Fotografen und wir dürfen im Graben so lange bleiben, wie wir wollen. Dankeschön dafür.
Die Habenichtse
Mit Die Habenichtse wechselt der Tag anschließend auf der Rock Stage in eine andere Klangfarbe. Die Band bringt einen raueren, deutschsprachigen Akzent ins frühe Programm und passt damit gut in jenen Bereich des ROCKHARZ, in dem Metal, Folk, Punk und Festivalboden enger zusammenrücken. Nach dem metallischen Auftakt bekommt der Donnerstag dadurch früh eine volksnähere, weniger streng genregebundene Note. „Spelunkenvagabunden“, „Humpenstielzchen“ sind klassische Sauf- und Kumpelnummern und „Firma dankt!“ vermischt die Genre.
Mittel Alta
Mittel Alta treiben diesen Gedanken auf der Dark Stage weiter. Das Projekt steht für mittelalterlich gefärbten Crossover mit bewusst derbem Humor „Ficket Euch“, das irgendwie an Knorkator erinnert, „Der Chef ist tot“ mit einem Hang zur Überzeichnung oder „Der Bürgermeister gibt bekannt“ heißen die Nummern. Im Line-up funktioniert dieser Slot als Kontrastfläche: nicht finster, nicht technisch, sondern bewusst grob geschnitzt, trinkfest („Lasset uns Tanzen“) und mit breitem Grinsen zwischen Tavernenfantasie und Festivalulk. Da gibt es eine „Wall of Death“ für die Luschen, einen ganz langsamen Moshpit oder Gerstensaft mit großen Ballons für die Gästeschar.
Hagane
Danach kommt das Quartett Hagane auf die Rock Stage. Die mir bis dato völlig unbekannte japanische Mädels – Band mit Sängerin Nagi steht für melodischen, technisch versierten Heavy- beziehungsweise Power Metal und bringt damit eine internationale, deutlich elegantere Härte ins Tagesprogramm. Zwischen schnellen Gitarrenlinien, melodischer Präzision und einer spürbaren Nähe zur japanischen Melodic-Metal-Schule wirkt dieser Auftritt wie ein klarer Schnitt zu den vorherigen, rustikaleren Farben des Nachmittags. Für knallig bunte Farben sorgen allerdings die Outfits der Mädels aus Tokio.
Stahlmann
Mit Stahlmann wird es anschließend schwerer, kühler und industrieller. Die Göttinger Band gehört zur Neuen Deutschen Härte und verbindet harte Riffs, elektronische Elemente und deutschsprachige Direktheit. „Engel der Dunkelheit“, das fette „Plasma“, „Der Schmied“, „Hass mich…Lieb mich“ oder „Wahrheit oder Pflicht“ sind dafür beste Beispiele. Auf der Dark Stage setzt Stahlmann den ersten deutlich dunkleren Akzent des Tages: kantig, maschinell, körperlich und in der Ästhetik deutlich näher an Stahl, Beton und Neonlicht als an Lagerfeuerromantik.
Sagenbringer
Sagenbringer führen das Programm danach wieder in eine andere Richtung. Sie sind für mich eine der wirklich positiven Überraschungen des Tages. Die norddeutsche Band verbindet deutschsprachigen Folk-/Pagan-Metal mit erzählerischen Elementen und schlägt damit eine Brücke zwischen Härte und Sagenwelt. „Walpurgisnacht“ mit rauem Kreischgesang und meldodiösem Refrain kommt super flott daher, während „Trolltavern“ ganz ruhig einsteigt. Hymnisch, episch, ganz groß ist „Valkyrensturm“. Nach der industriellen Kühle von Stahlmann öffnet dieser Slot den Raum wieder stärker in Richtung Mythos, Melodie und nordischer Erzähltradition.
Dogma
Nochmal Mädels, noch mal sehr nett anzusehen und diesmal als Nonnen verkleidet sind Dogma. Die italienische aus Ancona stammende Band mit Daniele Santori am Gesang setzt auf ein starkes visuelles Konzept, Heavy-Metal-Hooks und eine provokante Inszenierung, die religiöse Bildsprache und Rocktheater miteinander verbindet. Ob es hier mehr um das Theater und das Spielerische und doch eher die Musik geht, mag dann jeder selbst entscheiden. Im Tagesverlauf ist das ein bewusster Bruch: ganz wenig Erdung, viel Kunstfigur; weniger Szene-Realismus, mehr Ritual und ganz viel oder nur (?) Pose. Beispiele hierfür sind das gecoverte „Like a Prayer“, das melodische „Father i have Sinned“ oder das im Intro an ein Schlaflied erinnernde und mit Meatllica-Riffs durchtrimmte „My First Peak“.
Warmen
Die Metal-Band Warmen wurde vom Children-of-Bodom-Keyboarder Janne „Warman“ Wirman gemeinsam mit Sami Virtanen und Mirka Rantanen im Jahr 2000 gegründet. Dreimal hingeschaut und für richtig befunden. An der Gitarre und am Gesang gibt es zudem keinen Geringeren als Petri Lindroos, den Shouter und Kopf von Ensiferum. Weg vom Folk-Metal oder Pagan orientieren sich diese Finnen viel mehr an neoklassisch-melodischen Ansätzen mit merklicher Richtung zum Melodic Death Metal. Die gecoverte Nummer „Somebody’s Watchin…“ wandelt zwischen rockigem Pop und Peter Tätgrens Pain. „Band of Brothers“ oder „Untouched“ hingegen grooven und ballern und erinnern kräftig an Arch Enemy. Der Slot passt damit ideal in die zweite Tageshälfte: technisch, melodisch, skandinavisch geschärft und mit deutlicher Nähe zu jener finnischen Schule, die Virtuosität und Eingängigkeit nie als Widerspruch verstanden hat.
Decapitated
Mit Decapitated zog der Härtegrad nochmal deutlich an. Die polnische Band zählt seit den späten Neunzigern zu den wichtigen Namen des Technical Death Metal und verbindet Präzision, Groove und brachiale Wucht. Beispiele gefällig, dann mal reinhören in „Earth Scar“, „Kill the Cult“ oder „Spheres of Madnes“. Nach den doch etwas melodischeren Akzenten von Warmen bringt Decapitated den Tag auf eine völlig kompromisslose Ebene: weniger Pathos, mehr Druck; weniger Ornament, mehr Schlagkraft.
Betontod
Betontod setzten danach auf der Rock Stage einen anderen Schwerpunkt. Die Rheinberger Punkrock-Band gehört seit den Neunzigern zur deutschen Punk-Szene und bringt jene klare, straßennähere Energie ins Programm, die auf einem Metal-Festival gerade durch ihre Direktheit funktioniert. Nach der technischen Härte von Decapitated ist das kein Rückschritt, sondern ein Wechsel der Angriffsmittel: weniger vertrackt, dafür unmittelbar und direkt, so mitten in die Fresse. Beispiele gefällig? Es gibt „Küss mich“, das von allen mitgegrölte „Ich bereue Nichts“ und natürlich die Saufnummer „“Hömmasammawomma“.
Agnostic Front
Mit Agnostic Front und Brutalo – Shouter Roger Miret sowie Gründungsmitglied Vinnie Stigma an der Gitarre steht anschließend uralte Hardcore-Geschichte auf der Dark Stage. Die New Yorker Band gehört zu den zentralen Wegbereitern des NYHC und prägte die Verbindung aus Hardcore, Punk-Attitüde und Crossover-Schärfe entscheidend mit. Ihr Slot bringt den Donnerstag an einen Punkt, an dem sich Szenehistorie und körperliche Direktheit überlagern. Agnostic Front brauchen keine Verzierungen, um Autorität auszustrahlen; ihr Name trägt genug Gewicht.
Dominum
Nach dem brutalen Hardcore Punk folgt dann mit Dominum feinster Power Metal. Die Nürnberger Power-Metal-Band um Sänger Felix Heldt arbeitet mit Zombie-Konzept, Masken und melodischer Eingängigkeit. Sicherlich etwas angelegt an die Schock-Rock-Tradition vom nachfolgenden Alice Cooper, hier und da was abgeguckt von Freedom Call und manchmal auch in eingängiger Powerwolf-Manier wirken Dominum wie eine jüngere, europäische Variante des theatralischen Metal-Gedankens: weniger Legende, mehr frische Konzeptlust; weniger Rockgeschichte, mehr Untoten-Power-Metal für die noch Lebenden. „Immortalis Dominum“ zeigt feinen Gesang mit eingängigen Hooks und Refrains, „Killed by Life“ lebt von Schunkel-Hymnen und wieder eingängigem Chorgesang und klasse Tasten leiten in das hoch melodische „Guardians oft the Night“ ein. Morgen soll übriges das neue Album erscheinen. Mit „The Circus is in Town“ gibt es schon mal einen kleinen Appetizer.
Avatar
Mit Avatar wird es auf der Stage noch einmal schillernder. Die Schweden haben sich von melodischem Death Metal ausgehend zu einer der eigenständigeren modernen Metal-Bands entwickelt, deren Sound Groove, Alternative Metal, Theatralik und exzentrische Bildsprache zusammenführt. Das letzte Album „Don‘t go in the Forrest“ erschien 2025.
Alice Cooper
Der große Name des Donnerstags ist schließlich Alice Cooper. Kaum jemand hat Rocktheater, Horrorästhetik und Hard-Rock-Songwriting so nachhaltig miteinander verbunden wie der amerikanische Musiker, der nicht ohne Grund als „Godfather of Shock Rock“ gilt. Auf der Rock Stage bekommt der zweite Festivaltag damit seinen klassischen, ikonischen Höhepunkt, oder ist es gar der Höhepunkt des gesamten Festivals? Alice Cooper steht für eine Form von Show, die längst Popkulturgeschichte ist: makaber, stilisiert, routiniert und immer noch unmittelbar verständlich. Ich sah Alice Cooper noch in 2025 als Headliner des Bob-Fest in Mönchengladbach. Seitdem hat sich viel geändert. Alice brachte in 2025 das Album „The Revenge of Alice Cooper“ mit den ehemaligen Gründungsmitgliedern Bruce, Dunaway und Smith heraus. Daneben erleben wir heute mit der Britin Anna Cara eine neue Gitarristin als Ersatz für die werdende Mama Nita Strauss. Hier ein paar Stücke aus der Setlist: „Poison“, „Schools out“, „Feed My Frankenstein“, „House of Fire“, „Dirty Diamonds“ , „Hey Stoopid“;
Hämatom
Hämatom übernehmen danach die Rock Stage und führen den Abend zurück in eine deutschsprachige Metal-Dimension. Die Band verbindet Groove, NDH-Nähe, Maskenästhetik und gesellschaftlich zugespitzte Texte zu einem stark wieder erkennbaren Gesamtbild. Im Verlauf des Donnerstags ist Hämatom damit der große deutsche Gegenpol zwischen Härte, Inszenierung und Festivalhymnik. Hämaton waren schon einige Male auf dem Rockharz. Nach dem Tod von Peter „West“ Haag in 2023 sehe ich die Band heute erstmalig mit Annika „Rose“ Jaschke an der Gitarre. Aufgrund des Windes, dem fallen am heutigen Tage auch einige Pyros zum Opfer, können Hämatom ihre Bühnenaufbauten nur sporadisch positionieren. Gitarre, Bass und Sänger sind, wie in einer Irrenanstalt, in weißen Kostümen gekleidet und an Masten gefesselt, von denen sie sich ab dem zweiten Song befreien. Ganz klar ist mir die Story allerdings nicht, zumal zwergwüchsige Menschen scheinbar als Aufpasser fungieren.
Damit ist der zweite ROCKHARZ-Tag ein Programm der Gegensätze, aber kein beliebiges Sammelsurium. Final Cry, Die Habenichtse, Mittel Alta, Hagane, Stahlmann, Sagenbringer, Dogma, Warmen, Decapitated, Betontod, Agnostic Front, Dominum, Avatar, Alice Cooper und zum Abschluss Hämatom bilden eine Dramaturgie, die zwischen Underground, Szenehistorie, Extrem-Metal, Punk, Theatralik und großer Rock-Ikonografie pendelt. Der wolkige Himmel bleibt Kulisse; die eigentliche Wetterlage dieses Donnerstags mit ordentlichem Grollem kommt aus den Verstärkern.
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