Der Freitag beim ROCKHARZ 2026 ist kein Festivaltag zum vorsichtigen Hineinfinden. Der Himmel bleibt wolkig mit warmen Sonnenstrahlen, der Regen hält sich noch zurück und die Temperaturen bewegen sich in einem angenehm festivalfreundlichen Bereich — und genau dadurch liegt der Fokus dort, wo er hingehört: auf den Bühnen, auf der Bewegung im Infield, auf diesem stetigen Wechsel aus Druck, Tanz, Dunkelheit und Eskalation.
Rodeo 5000
Schon der frühe Teil des Tages fühlte sich nicht nach Pflichtprogramm an. Rodeo 5000 öffnen die Rock Stage mit ganz viel Spass und genug Energie, um die Müdigkeit der ersten beiden Tage aus den Knochen zu schütteln. Die Künstler Redneck Randale, Jonas und Simo schreiben überzeichnete Country- und Bluegrass-Songs. Bei „Bei Splitternackt im Pickup Truck“ fängt man unwillkürlich an zu grinsen und auch bei „Der Hammer“ bleibt kein Auge trocken. Textlich der Knaller ist aber „Mein Girl ist wieder schwanger“, wo man einfach unbedingt reinhören muss. Die Dame gebar so viele Kinder, dass nach den normalen Namen auch noch sämtliche amerikanische Staaten herhalten müssen. Textlich löst es sich nicht wirklich auf, aber ich denke mal, das besungene Girl, dürfte eher vier Beine haben.
Haggefugg
Haggefugg bringen kurz darauf jene mittelalterlich-folkige Feierlust ins Spiel, die auf dem ROCKHARZ immer besonders gut funktioniert: rau, trinkfest, direkt ins Bein, wie „Märchenwald“, „Brennende Welt“ oder der Trinksong „Met, Wirt, Bestellt!“.
Motorjesus
Motorjesus aus Mönchengladbach gründeten sich 1990 als The Shitheadz. Sie legten den Sound anschließend breiter und dreckiger an. Heavy Rock mit Benzin im Blut, Gitarren auf Betriebstemperatur, kein unnötiger Zierrat — genau die Art von Auftritt, die einen Freitagmittag nicht erklärt, sondern anschiebt. Als Shouter ist Christoph Birx im Dienst und auch Christof Leim zockte hier mal die Gitarre. Die immer noch aktuelle Platte ist „Streets of Fire“ von 2025.
Cypecore
Dass dieser Tag nicht bei einer Stimmung bleiben wollte, zeigte sich früh. Cypecore aus Mannheim ziehen das Gelände in eine futuristische Endzeitwelt, kühl, hart, metallisch glänzend, wobei die Nebelmaschinen weiterhin nur eine Richtung kennen, dem Wind folgend quer über die Bühne. Als Gitarrist bei den Melodic Death Metallern oder auch Industrial Metallern kennt man Nils „Alchemist“ Lesser. Der nun so futuristisch agierende Saitenhexer war vormals bei Beyond the Black. Lang, lang ist es her. Das letzte Album ist „Make me Real“ von 2024.
Hiraes
Hiraes halten die melodische Death-Metal-Fahne hoch und bringen eine wuchtige, moderne Schärfe in den Nachmittag. Sie entstammen aus den ehemaligen Mitgliedern von Dawn of Disease und Sängern Britta Görtz von Critical Mess. Diese machte letztes Jahr ihre Sache als Ersatz für Marcus Bischoff bei Heaven Shall Burn fantastisch und hat auch heuer die Bühne voll im Griff. Einfach eine tolle und supersympathische Fronterin.
Gothminister
Gothminister verwandeln danach die Stage in ein düsteres Kabinett aus Gothic Metal, Industrial-Rock und Horrorästhetik. Plötzlich ist der Freitag nicht mehr nur laut, sondern auch theatralisch, schwarz schimmernd und angenehm finster. Die Norweger mit Björn Alexander Brem am Bass und Gesang haben acht Alben auf dem Markt und bringen auch fleißig Singles raus wie „Angel“, die auch heute gespielten „Devil“, „Demons“ und „Dusk till Dawn“ oder „Liar“.
Rauhbein
Rauhbein setzen dazu den perfekten Gegenpol. Wo eben noch Kälte, Kunstfigur und Dunkelheit dominierten, wird es nun erdig, gemeinschaftlich und ganz nah und trocken am staubigen Festivalboden. Deutscher Folk Rock mit Rauschbart und rauem Herzen, eingängig und ohne Scheu vor großen Refrains. Solche, ja fast brutalen stilistischen Wechsel machen nicht nur diesen Freitag stark sondern sind im Grunde genommen seit Jahren das Konzept des Rockharz. Bandbreite, Spielwitz, keine Scheu vor ganz neuen Namen und dem Unbekannten und daneben die ganz großen Headliner, die jeder kennt.
Walls Of Jericho
Nach Britta von Hiraes gibt es nun nochmal female Growls von Candace Kucsulain von Walls Of Jericho. Die Hardcore- und Metalcore-Institution mit der quirligen Fronterin aus Detroit bringt eine Direktheit auf die Dark Stage, die keine langen Erklärungen braucht. Der Tag kriegt hier nach Hiraes nochmal eine richtig körperliche Schlagseite. Keine Romantik, keine Verschnaufpause, sondern pure, brutale Konfrontation. Vor der Bühne heißt das Moshpits am laufenden Band, Crowdsurfer und „Hoch die Fäuste“ zu „A Trigger full of Promises“, „The American Dream“ oder „Relentless“, zumindest namensgleich mit dem letzten Slayer-Album.
Fiddler’s Green
Danach fühlen sich Fiddler’s Green aus Erlangen mit Kopf und Sänger Ralf „Albi“ Albers fast wie ein Befreiungsschlag an — nicht weniger energiegeladen, aber anders aufgeladen. Irish Speedfolk statt Hardcore-Druck, Tanz statt Abriss, Fiddle statt Faustschlag. Das Tempo bleibt hoch und das Grinsen wird breiter. Man hat mittlerweile sage und schreibe 17 Studioalben unter das Volk gebracht und der letzte Longplayer „The Green Machine“ ist mittlerweile schon 3 Jahre alt.
Apokalyptischen Reiter
Die Apokalyptischen Reiter sind anschließend einer dieser Auftritte, für die Festivals wie das ROCKHARZ gemacht sind. Ich glaube hier wurde damals auch die „Reitermania“ etabliert. Diese Band passt in keine ordentliche Schublade und will dort auch bestimmt nicht hinein. Härte bis zum Death Metal, Wahnsinn, Pathos, Melodie, Humor und Kontrollverlust liegen bei den Reitern so eng beieinander, dass daraus eine ganz eigene Sprache entsteht. Sie bringen den Freitag an einen Punkt, an dem sich die Genregrenzen endgültig auflösen und nur noch zählt, was von der Bühne abgeht: Energie, Eigenwilligkeit, Hingabe.
Biohazard
Der Abend gehört dann den großen Namen und den großen Gegensätzen. Biohazard aus dem Stadtteil Brooklyn bringen New Yorker Hardcore und Crossover auf die Rock Stage, roh, urban, muskulös und geprägt von jener Verbindung aus Punk, Core, Metal und Straße, die bis heute nichts von ihrer Kraft verloren hat. Die Amerikaner sind seit Ende der 90er-Jahre unterwegs und große Fans von Agnostic Front, die ebenfalls dieses Jahr im Harz zocken.
P.O.D.
P.O.D. setzten mit Nu Metal, Alternative Metal und Rap-Rock einen anderen amerikanischen Ton: melodischer, offener, hymnischer, aber ebenfalls mit klarer Kante. Zwei Bands, zwei Lesarten von Crossover — und beide passen erstaunlich gut in diesen Freitag, der ohnehin ständig zwischen den Welten pendelt. „Afraid to Die“ ist ordentlich vertrackt und richtig melodisch, „Goodbye for Now“ hat sogar akustische Gitarren und „Boom“ ballert einfach nur.
Subway To Sally
Subway To Sally gehören zum ROCKHARZ wie die Teufelsmauer. Zum zehnten Mal ist Eric Fish mit seiner Combo und natürlich Ally Storch an der Violine schon dabei und waren auch schon beim ersten Festival in 1993 gebucht. Nach dem Alternative Metal von P.O.D. und dem Core von Biohazard holen die Potsdamer die dunkle Romantik zurück und bringen wieder diese unverkennbare heimische Festivalmagie ins Spiel. Die Brandenburger gehören zu den Bands, die Mittelalter-Rock nicht nur als Klangfarbe, sondern als eigene Dramaturgie begreifen. Harte Gitarren, Violine, Drehleier, vormals lateinisch, nun konsequent deutsche Texte und ein Gespür für große, nächtliche Momente machen diesen Auftritt zu einem der atmosphärischen Fixpunkte des Tages.
Airbourne
Und dann kommen Airbourne mit ihrem mächtig an AC/DC angelegten Riffrock und treten den Fans und dem etablierten Rock mal so ganz eben in den Allerwertesten. Die Australier sind gerade auf Tour in Deutschland und benennen selbige direkt nach ihrer aktuellen Single „Gutsy“. Manchmal muss Rock nicht kompliziert sein, um alles und jeden zu treffen und zu faszinieren. Die Australier mit Joel O’Keeffe am Mikro und der Leadgitarre sowie Ryan O‘Keeffe am Schlagzeug, der Rest ist mehr oder weniger austauschbar, liefert den puren Stromschlag: Riffs, Schweiß, Tempo, Übermut. Hard Rock als Adrenalinschub, ohne doppelten Boden und ohne Ausflüchte. Nach Subway To Sallys dunkler Wucht kommt das wie ein angezündeter Verstärker im Vollgasmodus. Mit Song Nr. 4 wirft Joel halbgefüllte Bierbecher mit unglaublicher Präzision ins Publikum. Es dürften so rd. 25 Stück gewesen sein, also ne ganze Pallette. Dann geht es auf Schultern getragen ins Infield und es gibt die obligatorische Bierdusche im direkten Beisein der Fans. Geile Sause!
Kreator
Nach dem heimlichen Headliner kommt mit Kreator der richtige Headliner des Freitags. Wir Fotografen haben davon allerdings rein gar nichts, denn wir dürfen, wegen der Feuershow, erst ab Song Nr. 12 in den Graben, sprich etwa zu Beginn des letzten Drittels. Die Essener Thrash-Metal-Legende bringt den Tag präzise und mit ungebrochener Aggression auf den Punkt. Mit „Seven Serpents“ wird der thrashige Reigen eröffnet. Es folgen „Hail tot he Hordes“, „Coma of Souls“, „Énemy of God“, „Satanic Anarchy“, „Hate über Alles“, „People of the Lie“, „Betrayer“, „Krushers of the World“, „Hordes of Chaos“, natürlich „Satan is Real“, dann die Fotografen Songs „Loyal to the Grave“, „Phantom Antichrist“ mit den Köpfen auf den Pfählen, „Tränenpalast“, „Endless Pain“, und „666“ und im Encore dann noch „Violent Revolution“ und das alte „Pleasure to Kill“. Ihr Auftritt steht für alles, was den Thrash Metal groß gemacht hat: Brutale Schärfe, rasendes Tempo, Haltung und fetter Druck (Pressure). Nach einem ohnehin prall gefüllten Tag ist das kein bloßer Headliner-Slot, sondern der große metallische Einschlag, auf den dieser Freitag direkt hinsteuert.
Saint City Orchestra
Saint City Orchestra setzen, leider bei katastrophalem Licht, schließlich den letzten Akzent des Tages, resp. der beginnenden Nacht. Nach Kreators Thrash-Gewitter kann kein Versuch, noch härter, noch größer, noch brutaler zu wirken. Dann kann man es auch gleich sein lassen und e sgibt stattdessen Celtic Punk, Folk, Rock und der richtige Ton für alle, die nach diesem langen Tag noch nicht loslassen wollen. Ein Ausklang mit Bewegung, Gemeinschaft und allerletzter Energie.
So wird der dritte ROCKHARZ-Tag zu einem dieser Festivaltage, wo man nicht nur über eine einzelne Band erzählt. Er lebt von der Reibung: Folk und Hardcore, Gothic und Thrash, Mittelalter-Rock und Nu Metal, Rock’n’Roll und Endzeit-Metal, große Namen und frühe Überraschungen oder auch bis dato „No Names“. Das Wetter bleibt freundlich zurückhaltend, windig aber weiterhin ohne Regen. Der musikalische Freitag ist laut, bunt, hart, tanzbar, dreckig, hymnisch — und genau deshalb einer dieser Tage, an denen das ROCKHARZ seine ganze Stärke ausspielt.
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