Der erste Tag des ROCKHARZ 2026 ist vorüber — und schon der Mittwoch zeigt, wie souverän dieses Festival zwischen Genrebreite, Traditionsbewusstsein und stilistischen Kontrasten pendelt. Bei überwiegend wolkigem Himmel, angenehmen Temperaturen und ausbleibendem Regen entwickelt sich ein Auftakt, der nicht als bloßes Warmwerden funktionierte, sondern von Beginn an ein vollwertiger Festivaltag ist.

Heavysaurus 

Mit Heavysaurus und Nummern wie „Pommesgabel“, „Dinos woll’n euch tanzen sehen“ (im Original ein sehr bekannter Song von den Scorpions) oder „Kaugummi ist mega“ startet das Programm auf der Dark Stage auf denkbar eigenwillige Weise. Die Dino-Metal-Band bewegt sich zwischen Hard Rock, Heavy Metal und familienfreundlicher Inszenierung, ohne dabei den Kern der Musik zu verlieren. Als Opener setzt dieser Auftritt einen bewusst anderen Ton: bunt, zugänglich, aber keineswegs beliebig. Damit auch alle Kinder dem Gig beiwohnen können, reduzieren die Veranstalter das Eintrittsalter auf ca. 3 bis 11 Jahre und lassen das Konzert in kindgerechter Lautstärke abspielen. Horden von Kindern in Begleitung ihrer Lehrerinnen, Tagesmüttern und Kindergärtnerinnen ziehen zunächst durch den Vip-Bereich, dann das Infield, um so vor der mittels Gattern abgesperrten Area zu landen. Ich habe nicht den Eindruck, dass die Dinos in irgendeiner Art ihre Lautstärke reduzieren.

Soulbound 

Anschließend rücken Soulbound auf der Rock Stage die Stimmung in eine deutlich modernere Richtung. Die Bielefelder verbinden Metal mit Industrial-, Gothic-, NDH- und Metalcore-Elementen und bringen damit eine kühlere, dunklere Kante in den Nachmittag. Nach dem verspielten Auftakt wirkt dieser Slot wie ein abrupter Perspektivwechsel: weniger Leichtigkeit, mehr Druck, mehr Schatten, mehr Gegenwart. „Forever in the Dark“ ist melodisch atmosphärisch und „Blutsbrüder“ kommt mit einem gängigen Refrain und viel Druck daher. „Paralyzed“ hat die entsprechende Härte.

Harakiri For The Sky

Mit Harakiri For The Sky bekommt der Tag erstmals jene emotionale Schwere, die sich nicht über bloße Härte definiert. Die österreichische Post-Black-Metal-Band steht für ausgedehnte Spannungsbögen („Fire, Walk with Me“), Melancholie („Song to say Goodbye“) und eine Intensität, die weniger auf schnelle Effekte als auf Nachhall setzt. Unter der geschlossenen Wolkendecke findet diese Musik eine passende Kulisse. Der Nachmittag wird dunkler, dichter, ernster.

The Haunted

The Haunted setzen danach einen klaren Schnitt. Die Schweden, seit den 90er-Jahren eine feste Größe im Grenzbereich von Thrash Metal, Melodic Death Metal und Groove, bringen den Tag wieder stärker in Bewegung. Wo Harakiri For The Sky zuvor in die Tiefe gehen, arbeiten The Haunted mit Direktheit und Schub. Songs wie „Preachers of Death“, oder „Dark Intentions“ mit harten Riffs, die an Metallicas Album „Ride The Lightning“ erinnern, verpassen Dir einen Arschtritt vom Feinsten. Der Auftritt gibt dem Mittwoch jene raue, vorwärtsdrängende Energie, die ein Festivalprogramm an dieser Stelle gut verträgt.

Ensiferum 

Mit Ensiferum und beispielsweise „In my Sword I trust“ öffnet sich das Klangbild anschließend ins Epische. Die Finnen gehören seit Jahren zu den prägenden Namen des Folk Metal und setzen auf eine Verbindung aus Melodie, Härte und hymnischer Weite („Lai, lai hei“). Auf einem Open-Air-Gelände mit Massen an Crowdsurfern funktioniert diese Art von Musik fast naturgemäß: Sie braucht Raum, Luft und ein Publikum, das bereit ist, sich in große Refrains („Andromda“) und kämpferische Dynamik fallen zu lassen. Der frühe Abend bekommt dadurch eine deutlich festlichere, weit ausholende Farbe.

Paradise Lost

Paradise Lost führen den Tag danach in andere Dunkelheiten. Die britische Band zählt zu den zentralen Wegbereitern, ja Namensgebern des Gothic Metal und hat über Jahrzehnte eine ganz eigene Sprache aus Schwere, Melancholie und kontrollierter Eleganz entwickelt. Nach der folkigen Wucht von Ensiferum wirkt ihr Auftritt wie eine bewusste Verdichtung: weniger Aufbruch, mehr Gravität; weniger Pathos, mehr Abgrund. „Say just Words“, „No Hope in Sight“, das Cover „Lost Smalltown Boy“ und „Silence Like the Grave“ sind Stationen ihres Schaffens.

Black Label Society

Anschließend übernehmen Black Label Society den massiven Gitarrenblock des Abends. Die Band um den ehemaligen Ozzy Osbourne Gitarristen Zakk Wylde steht für schwere Riffs, bluesige Härte und eine unmissverständlich amerikanische Lesart von Heavy Metal und Hard Rock. Ihr Slot bringt eine ganz andere Form von Autorität auf die Bühne: breit, muskulös, traditionsbewusst und ganz auf die Heavyness der Gitarre gebaut.

Helloween

Der Hauptakzent des Mittwochs liegt schließlich bei Helloween. Die Hamburger Power-Metal-Institution, gegründet 1984, bekommt mit zwei Stunden Spielzeit den angemessenen Rahmen, um ihren Status auszuspielen. Helloween stehen für eine der großen deutschen Metal-Erfolgsgeschichten, für Geschwindigkeit, Melodie, große Refrains und ein Songwriting, das seit Jahrzehnten weit über Szenegrenzen hinaus wirkt. Nach einem Tag voller stilistischer Wechsel bündelt dieser Auftritt vieles von dem, was klassischer Metal im besten Fall leisten kann: Euphorie, Virtuosität, Nostalgie und Gegenwart zugleich. Als Sänger und Lead-Gitarrist agierte zunächst Kai Hansen, mit den Keeper -Alben und Shouter Michael Kiske gelang dann der große Durchbruch.

Andy Derris, ehemals Pink Cream 69, übernahm dann 1994 mit „Master of the Rings“ das Mikro. Ab 2015 arbeitet man dann an der großen Reunion mit allen drei Sängern und präsentiert 2019 das Album „United Alive“. Der Erfolg gibt den reunierten Members Recht und mit „Helloween“ aus 2021 und Giants & Monsters“ von 2025 kreiert man dazu neuen Stoff. „Tokio“ vom neuen Album, „das alte und immer noch hammerharte „Ride the Sky“, das epische „March of Time“, das spritzige „I want out“, „Heavy Metal ist the Law“ und zum Schluss natürlich „Dr. Stein“ sind nur ein paar der gezockten Perlen.

Steve ’n’ Seagulls

Geschlossen wird der Abend anschließend von Steve ’n’ Seagulls. Die finnische Band, bekannt für Bluegrass- und Country-Versionen großer Rock- und Metal-Stücke, wie zum Beispiel „Thunderstruck“ von AC/DC, „The Trooper“ und „666 The Number oft he Beast“ von Iron Maiden oder auch „Nothing Else Matters“ von Metallica setzen nach Mitternacht einen Kontrapunkt, der gerade wegen seiner Unwahrscheinlichkeit funktioniert. Nach der Wucht des Tages bleibt hier ganz viel Raum für Spielfreude, Ironie und musikalisches Handwerk abseits der nahe liegenden Metal-Gesten.

So beginnt das ROCKHARZ 2026 mit einem Mittwoch, der erstaunlich viel abdeckt: Familienfreundlicher Hard Rock, moderner Industrial-Metal, Post-Black-Metal, Thrash-Schärfe, Folk-Metal-Epik, Gothic-Schwere, amerikanische Riff-Macht, deutscher Power Metal und ein akustisch schräger Nachklang. Das Wetter bleibt unaufdringlich, fast ideal: wolkig, trocken, angenehm. Kein dramatischer Himmel, kein meteorologischer Störfaktor — sondern die passende Kulisse für einen Auftakt, der musikalisch genug eigene Dramatik mitbringt.

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